„Das Modul ist das Tragwerk, die Fassade erzählt die Geschichte“
Dr. Benjamin Camps leitet das Center for Building and Infrastructure Engineering (CBI) auf dem RWTH Aachen Campus. Sein Forschungsfeld liegt an einem Punkt, an dem die Baubranche seit Jahren zwischen Anspruch und Wirklichkeit pendelt: dem seriellen und modularen Bauen. Die Technologie ist ausgereift, die Vorteile sind belegt und trotzdem liegt der Marktanteil in Deutschland bei gerade einmal vier bis sechs Prozent.
Camps forscht nicht nur zu den konstruktiven und produktionstechnischen Grundlagen des Modulbaus. Er arbeitet gemeinsam mit Unternehmen an den konkreten Hindernissen: Brandschutz, Nachhaltigkeit, Zulassungsverfahren. Das Center for Building and Infrastructure Engineering bildet dabei eine neutrale Plattform, auf der Mitbewerber an gemeinsamen Fragen zusammenarbeiten. Ein Modell, das Ergebnisse liefert, die einzelne Unternehmen allein nicht erreichen würden.
Beim Baukongress – Die Zukunft des Bauens hält er die Keynote zur Session „Modular und elementiert – Einblicke in die Vielfalt des seriellen Bauens“. Im Interview spricht er darüber, warum der Plattenbau bis heute das Image einer ganzen Bauweise prägt, was den Modulbau trotz politischem Rückenwind bremst und warum ein Modul von außen aussehen kann wie jedes andere Gebäude.
Benjamin Camps, Ihr Vortrag beim Baukongress trägt den Titel „Modular und elementiert – Einblicke in die Vielfalt des seriellen Bauens“. Vielfalt und Serialität klingen wie ein Widerspruch. Was steckt dahinter?
Das war bewusst gewählt, um eine Reaktion auszulösen. Der Vorbehalt, den wir oft hören, ist: Seriell gebaut sieht alles gleich aus. Ich glaube, das ist eine deutsche Eigenart, die vom Plattenbau herrührt. Dabei waren die Plattenbauten ihrer Zeit voraus – man hat damals schnell und günstig Wohnraum geschaffen. Aber der Reflex sitzt tief. Was ich zeigen möchte: Ich kann seriell bauen und dabei trotzdem gestalterische Freiheit haben. Das Modul liefert das Tragwerk. Was außen sichtbar ist, bestimmt die Fassade. Es gibt Modulbauten, die man von außen nicht als solche erkennt, weil eine hochwertige Hülle drüberliegt. Und innen bieten Oberflächen, Materialien und Ausstattung erheblichen Spielraum.
Dr. Benjamin Camps, Centerleiter Center for Building and Infrastructure Engineering
Serielles Bauen verspricht Geschwindigkeit und Kosteneffizienz – und bleibt trotzdem hinter den Erwartungen zurück. Woran liegt das?
Es gibt nicht die eine Antwort. Da ist zunächst der kulturelle Vorbehalt: Viele wollen individuell bauen, sich beim Eigenheim von der Grundrissgestaltung bis zur Dachform alles selbst aussuchen. Eine starke Architektenlobby befördert genau diesen Traum. Und wir bauen in Deutschland schlicht zu kompliziert: Erker hier, abgerundete Ecken dort. Das lässt sich mit dem Modulbau nur begrenzt abbilden. Hinzu kommt die Regulatorik. Beim Brandschutz etwa gibt es aufwendige Zulassungsprozesse, die lange dauern und die Vorteile in der Baugeschwindigkeit wieder aufzehren. Der Markt ist gerade insgesamt gedämpft: trotz zuletzt gestiegener Baugenehmigungen tritt der Wohnungsbau auf der Stelle, der Marktanteil für serielles, modulares Bauen liegt irgendwo zwischen vier und sechs Prozent – weit unter dem Potenzial.
Dabei gibt es auch beeindruckende prominente Beispiele: das Bundestagsgebäude auf dem Luisenblock West in Berlin, der Ausweichbau des Bundespräsidialamts direkt an der Spree – beide Gebäude wurden mit einem hohen Anteil von Modulbauteilen realisiert. Beim Bundespräsidialamt hat man sogar tortenförmige Module eingesetzt, um einen geschwungenen Anbau zu realisieren. Das zeigt, was möglich ist.
Sie halten beim Baukongress eine Keynote zum seriellen Bauen. Was erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Ihrer Session?
Jede Session wird von einem Expertengremium gemeinsam erarbeitet, hinter jedem Vortragenden steckt eine Gruppe, die den Inhalt gemeinsam entwickelt hat
Der Baukongress findet in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Was macht ihn aus Ihrer Sicht zu einer relevanten Veranstaltung?
Wir haben die Session bewusst anders aufgezogen. Es gibt meine Keynote mit einem Überblick über das Thema, dann zwei Expertenvorträge. Jörn Kreuzahler von Art-Invest Real Estate Management zeigt dabei eine ungewöhnliche Perspektive: nicht die eines Herstellers, sondern eines Projektentwicklers. Er erklärt, warum modulares Bauen einen so geringen Marktanteil hat und was die Immobilienbranche von solchen Bauwerken erwartet.
Der zweite Vortrag von Annette Boderke von der Firmengruppe Max Bögl und André Zander, KUKU Assembly & Test, beleuchtet die Produktionsmethoden: werkseitige Vorfertigung, digitale und automatisierte Fertigung. Das ist der grundlegende Unterschied zum klassischen Bauen, wo auf der Baustelle prototypisch gearbeitet wird.
Das Format unterscheidet ihn von klassischen Konferenzen. Hier stellt sich kein Unternehmen nach dem anderen vor. Jede Session wird von einem Expertengremium gemeinsam erarbeitet. Hinter jedem Vortragenden steckt eine Gruppe, die den Inhalt gemeinsam entwickelt hat: Immobilienentwickler neben Herstellern, verschiedene Perspektiven in einem Beitrag gebündelt. Das macht die Inhalte deutlich fundierter. Insgesamt bringen rund 90 Expertinnen und Experten ihren Input ein.
Die diesjährigen Leitthemen sind Nachhaltigkeit, Automatisierung und Digitalisierung. Wo sehen Sie die größten Überschneidungen mit ihrer eigenen Forschungsarbeit?
Nachhaltigkeit ist im Bauwesen immer ein großes Thema, gerade beim modularen Bauen, wo es viel um werkseitige Vorfertigung geht. Die Module werden möglichst weit im Werk fertiggestellt, damit auf der Baustelle nicht wetterabhängig gearbeitet werden muss. Die Digitalisierung hilft vor allem in der Planung. Und die Automatisierung ermöglicht es, digitale Planungsdaten direkt in die Vorfertigung zu überführen, gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ein erhebliches Potenzial, um wettbewerbsfähig in Deutschland zu produzieren.
Sie leiten das Center for Building and Infrastructure Engineering, in dem Sie eng mit Industriepartnern zusammenarbeiten. Was bringt diese Nähe für ein Thema wie serielles Bauen?
Der Kern ist: Wir wollen Ideen schnell in die Umsetzung bringen, gemeinsam mit Unternehmen, die täglich mit konkreten Herausforderungen konfrontiert sind. Bei vielen Themen bietet sich dabei konsortiale Zusammenarbeit an: Mehrere Mitbewerber sitzen an einem Tisch, das Center bildet eine neutrale Plattform.
Beim Brandschutz haben wir das konkret getan, wir haben in realen Brandversuchen nachgewiesen, dass bestimmte Konstruktionen den geforderten Feuerwiderstand erreichen. Auch die Nachhaltigkeitsfrage haben wir so angegangen: ein direkter Vergleich zwischen klassischem Massivbau und modularer Bauweise. Der Rahmen, in dem das alles stattfindet, wird größer: Die EU-Kommission hat Offsite Construction – ob 3D-Module oder 2D-Elemente – als Ansatz identifiziert, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Es gibt zunehmend Normungsinitiativen auf deutscher, europäischer und internationaler Ebene. Das modulare Bauen ist kein Nischenthema mehr.