19. September 2022
Co-Working-Flächen, „Maker Space“ und Filmstudio auf 3.600m²: Im Collective Incubator arbeiten zahlreiche Start-ups, Spin-offs und studentischen Initiativen eng mit Unternehmen und RWTH-Lehrstühlen zusammen. Im Interview spricht Managing Director Johannes Schäfer über das Konstrukt Collective Incubator, den inhaltlichen Austausch zwischen Industrie und Start-ups und erklärt, was die studentische Initiative Tachyon Hyperloop mit Elon Musk zu tun hat.
Johannes Schäfer, was genau ist eigentlich der Collective Incubator?
Der Collective Incubator ist die Co-Innovation-Plattform der RWTH Aachen. Wir versuchen hier vor Ort verschiedene Akteure zusammen zu bringen, damit diese miteinander sprechen und gemeinsam Dinge erschaffen, die sie alleine nicht umsetzen würden: Start-ups und Spin-offs aus dem Wissenschaftskontext, die mit Unternehmen und Studierenden zusammenarbeiten. Für all diese Akteure haben wir mit dem Collective Incubator einen Melting Pot geschaffen. Ganz konkret bieten wir auf dem Gelände der Jahrhunderthalle Co-Working-Spaces sowie unseren sogenannten „Maker Space“ an, also eine Prototypenwerkstatt. Zusätzlich schließen wir Kooperationen mit Unternehmen ab, die ein Interesse haben, nah an der Start-up- und Spin-off-Szene zu sein. Das geschieht unter Einbindung der RWTH-Lehrstühle in einem interdisziplinären und fakultätsneutralen Kontext.

Collective Incubator/Sarah Rauch

Der „Maker Space“ im Collective Incubator
Eines unserer Ziele ist es, so neutral zu sein, dass beim Collective Incubator verschiedene Fachrichtungen zusammenkommen und miteinander arbeiten. Während ihrer Studiengänge sind Bauingenieur*innen nie im Kontakt mit Architekt*innen; Informatiker*innen sind nie im fachlichen Austausch mit Maschinenbauer*innen, die an der Industrie 4.0 arbeiten. Als Collective Incubator versuchen wir, der Ort zu sein, an dem sich diese Personen begegnen können.

Collective Incubator/Sarah Rauch

Aktuell haben wir auf einem alten Industrieareal Flächen angemietet, auf denen wir den Co-Working-Space betreiben. Mittlerweile befinden wir uns auf der zweiten Ausbaustufe. 2019 haben wir in zentraler Lage in der Aachener Innenstadt mit 700 qm² angefangen. Seit September 2021 sind wir auf dem Gelände der Jahrhunderthalle und belegen drei Etagen mit insgesamt 3.600 qm² mit Co-Working-Spaces. Hier gibt es aber auch Möglichkeiten, Räume mit Spezialnutzung zu buchen, beispielsweise ein Filmstudio, Konferenzräume und den Maker Space auf 1.000 qm². Insgesamt haben wir 194 Teams als Mitglieder in der Community, davon sind 58 % Start-ups, 33 % studentische Initiativen. Der Rest setzt sich aus weiteren Partnern zusammen.
Möglich macht das eine Förderung durch das Land Nordrhein-Westfalen. Mit dem Exzellenz Start-up Center.NRW (ESC) werden wir unterstützt vom damaligen Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie. Dabei sind wir eng verzahnt mit den Angeboten der RWTH Innovation,
beispielsweise im Bereich Technologietransfer oder dem RWTH Entrepreneurship Center.
Der Collective Incubator ist auf der Jülicher Straße im Aachener Osten ansässig, rund acht Kilometer vom RWTH Aachen Campus entfernt. Ein Hindernis für die Zusammenarbeit mit den immatrikulierten Unternehmen?
Unsere aktuelle Zusammenarbeit ist sehr stark inhaltlich geprägt. Wir versuchen, zusammen mit der Campus GmbH und den immatrikulierten Unternehmen aus den Centern, einen Ort zu schaffen, an dem wir auf dem Campus Melaten zusammenarbeiten können. Ich denke nicht, dass es ein Nachteil ist, dass wir mit dem Collective Incubator räumlich getrennt sind, weil hier bei uns viele Dinge passieren, die unkonventionell sind und ein gewisses „out of the box“-Denken erfordern. Wir brauchen ein Umfeld, in dem Kreativität gefördert wird, in dem über den Tellerrand hinausgeschaut wird und in dem Prozesse bewusst anders umgesetzt werden, als man es kennt. Daher ist unser Standort aus meiner Sicht aktuell eine hervorragende Ergänzung zum Campus Melaten. Nichtsdestotrotz verfolgen wir den Plan, in Zukunft auf den Campus West zu ziehen, um noch näher an die Center und beteiligten Unternehmen zu rücken.
Ende August hat ein Center-Roundtable bei Ihnen im Collective Incubator stattgefunden, an dem einige Centerleiter*innen teilgenommen haben. Wo liegt das Potenzial in der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, die in den Centern immatrikuliert sind und Start-ups?
Aus meiner Sicht liegt das größte Potenzial darin, dass Unternehmen Zugang zu der Start-up-Welt erhalten. In Aachen gibt es mittlerweile jährlich über 100 Ausgründungen, die einen Bezug zur RWTH haben. In unserer Community sind derzeit rund 200 Start-ups, Spin-offs und studentische Initiativen aktiv. Als Collective Incubator erhöhen wir in Aachen die Anzahl der Ausgründungen, indem wir eine Infrastruktur bieten, die möglichst viele Studierende erreicht. Neben der klassischen beruflichen Karriere wollen wir den Studierenden Alternativen wie Neugründungen aufzeigen und sie dafür interessieren. Interessierten Unternehmen können wir einen exklusiven Zugang zur Community verschaffen, indem wir Kontakte herstellen. Gleichzeitig haben die Start-ups, Spin-offs und studentischen Initiativen natürlich ein großes Interesse daran, mit den Unternehmen ins Gespräch zu kommen. Sei es, weil die Unternehmen investieren, weil sie Technologien als Kunden nutzen möchten oder um ihren eingeschlagenen Weg durch eine Expert*innenmeinung validieren zu lassen. Diese Partnerschaft wollen wir in Zukunft noch weiter ausbauen, denn: Es gibt ein sehr großes Potenzial, die 430 immatrikulierten Unternehmen vom RWTH Aachen Campus mit der Start-up-Welt zu vernetzen und den Start-ups gleichzeitig die Unternehmen als potenzielle Kunden oder Kooperationspartner vorzustellen.
Wie sind studentische Initiativen in den Collective Incubator integriert?
Neben den Start-ups und Spin-offs beim Collective Incubator, die von Studierenden oder Wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen gegründet werden, gibt es hier zahlreiche studentische Initiativen. Dichte und Professionalitätsgrad der Initiativen sind hier in Aachen aus meiner Sicht besonders hoch. Im Schnitt haben die zwischen 10 bis 70 aktive Mitglieder. Dabei handelt es sich um Studierende, deren Ziel es ist, neben einem sehr guten Studium das Erlernte auch praktisch umzusetzen. Die Studierenden lernen in unserem Umfeld also, wie sie Projekte organisieren, auf Lehrstühle und Sponsoren zugehen. Wir bekommen viele Anfragen von Unternehmen, die diese Studierenden kennenlernen wollen. In verschiedenen Formaten bieten wir als Collective Incubator das gegenseitige Kennenlernen an. Unser Ziel ist es, win-win-Situationen zu schaffen – für Studierende und Unternehmen.

Collective Incubator/Sarah Rauch

Haben Unternehmen mehr Interesse an Studierendeninitiativen oder an Start-ups?
Das lässt sich nicht pauschal sagen, weil es vor allem darauf ankommt, was das Unternehmen will. Ein großes Unternehmen kann zum Beispiel Interesse an einer studentischen Initiative haben, weil es sich bei den Studierenden präsentieren möchte. Der Werkstoffhersteller Covestro unterstützt beispielsweise das „Team Sonnenwagen“, indem es der Initiative neue Technologien zur Verfügung stellt. „Team Sonnenwagen“ nutzt die Technologien, um im Wettbewerb eine bessere Position zu erreichen. Andere Unternehmen möchten studentische Initiativen kennenlernen, weil dort Studierende sind, die sich besonders engagieren und Extrameilen gehen. Die sind für die Unternehmen als „first hirers“ besonders interessant. Auffallend ist, dass viele der am RWTH Aachen Campus immatrikulierten Unternehmen Interesse an einer Forschungs- oder Kundenbeziehung mit den Start-ups haben.
Wie lange können Start-ups die Büroräume im Collective Incubator nutzen?

Collective Incubator/Sarah Rauch

Grundsätzlich bieten wir Start-ups über ein Jahr die Möglichkeit, feste Büroräume anzumieten. Danach können sie weiter bei uns im Gebäude arbeiten, haben dann allerdings kein festes Büro mehr, sondern müssen auf „Flex Desks“, also eine freie Tischwahl, zurückgreifen. Zehn Teams haben wir mittlerweile off-geboardet, d.h. sie haben einen Reifegrad erreicht, bei dem sie eigene und vor allem größere Büroflächen benötigen, als sie bei uns bekommen. Wir freuen uns, dass die Teams uns immer noch freundschaftlich verbunden sind. Das unterstreicht nochmal unseren Grundgedanken: Wir unterstützen und helfen frühphasig, bis die Start-ups in dem Zeitraum von ein- bis anderthalb Jahren ihr Geschäftsmodell so weit entwickeln konnten, dass sie erste Investorengelder erhalten oder erste Kunden, durch deren Einnahmen sie sich auf dem freien Markt Flächen anmieten können.
Wie können sich Unternehmen im Collective Incubator einbringen?
Wir haben kleine Pakete, bei denen Unternehmen beispielsweise Veranstaltungen mitorganisieren, besuchen oder Logopräsenz zeigen, also klassisches Employer Branding. Zusätzlich veranstalten wir aber auch Innovationsformate wie beispielsweise Techathons und Hackathons, bei denen Unternehmen vom Output profitieren und Studierende kennenlernen, die vor Ort sind. Unsere Lead Partner werden von uns voraussichtlich im Laufe des kommenden Jahres auch physischen Zugang zum Collective Incubator erhalten, um hier eine Dependance zu eröffnen oder Mitarbeitende auch hier beschäftigen zu können, die im täglichen Austausch mit den Start-ups stehen.
Gibt es ein Beispiel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen einem bei Ihnen ansässigen Start-up und Unternehmen aus dem RWTH-Umfeld?
Ein prominentes Beispiel, das wir im Collective Incubator gefördert haben, ist Tachyon Hyperloop. Das ist eine studentische Initiative, die an der Hyperloop Pod Competition von Elon Musk teilnehmen wird. Die Studierenden entwickeln ein Fahrzeug, das in einer Vakuumröhre in irrsinniger Geschwindigkeit unter der Erde fährt. Der Wettbewerb ist zunächst für Gütertransport ausgelegt, wird aber in Zukunft noch auf den Personentransport ausgeweitet. In der Vergangenheit haben sich schon mehrere Hochschulteams an dem Wettbewerb beteiligt. Mit Tachyon Hyperloop ist zum ersten Mal eine Studierendeninitiative der RWTH dabei. Wir haben die Initiative von Anfang an gefördert, beispielsweise bei der Vereinsgründung, mit unserem Know-How zur Mitgliederwerbung oder zum Marketing. Das Team von Tachyon Hyperloop konnte schnell auf eigenen Beinen stehen und hat beeindruckende Unternehmenskooperationen, beispielsweise zur Euregio Verkehrsschienennetz GmbH (EVS). Die EVS hat eine Bahnstrecke, die derzeit nicht betrieben wird. Dank der Kooperation kann Tachyon Hyperloop die Bahnstrecke für Testfahrten nutzen. Ähnlich wie bei Tachyon Hyperloop bieten wir studentischen Initiativen an, sie Professor*innen zu vermitteln, die an ihren Lehrstühlen entsprechendes Know-How und Zugang zu Maschinen haben und das Team dadurch voranbringen.
Ein weiteres Beispiel ist RIIICO, ein Start-up aus dem Produktionsbereich. Das Start-up erstellt 3D-Modelle von Produktionen, indem sie 3D-Scanner aufstellen, Flächen ableuchten und mithilfe der Modelle einen digitalen Zwilling erstellen. Sie haben vom Kontakt zu einem großen Unternehmen profitiert, das eine Partnerschaft zur RWTH Aachen unterhält. Die Zusammenarbeit des Collective Incubator mit den Centern auf dem Campus Melaten und dem dichten Netz an Forschungsgebäuden mit eigener Produktion, die nun intensiviert wird, hilft Start-ups wie RIIICO dabei, schneller ihr Geschäftsmodell zu validieren und zu entwickeln.